Wie oft denken die Fantastischen Vier ans Aufhören?

Zum Artikel Wie oft denken die Fantastischen Vier ans Aufhören?

Wie oft denken die Fantastischen Vier ans Aufhören?

Seit über 30 Jahren machen die Fantastischen Vier zusammen Musik. Gibt es da Gedanken ans Aufhören? Und wer blockiert wen bei WhatsApp? Wir haben bei der Band nachgefragt.

2019 ist ein besonderes Jahr für die Fantastischen Vier ("Captain Fantastic"): Sie feierten großes Jubiläum. Am 7. Juli 1989 hatten And.Y (51), Michi Beck (51), Thomas D (50) und Smudo (51) ihren ersten gemeinsamen Auftritt als Die Fantastischen Vier. Ab 15. September kommt passend zum Jubiläumsjahr die Dokumentation "Wer 4 sind" in die deutschen Kinos. Regisseur Thomas Schwendemann (42) bietet den Fans darin einen intimen Einblick hinter die Kulissen.

Doch was sind für die Band selbst die Highlights aus 30 gemeinsamen Jahren? Wurde im Film etwas zensiert? Wie stehen Smudo und Co. zu der neuen Rap-Generation? Und ist das Ende der Band schon in Sicht? Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news standen die - wie gewohnt zu Scherzen aufgelegten - Fantastischen Vier Rede und Antwort.

Was bedeutet die Dokumentation "Wer 4 sind" den Fantastischen Vier?

Thomas D: Tatsächlich hatte ich ein sehr romantisches und herzliches Bro-Love-Gefühl als ich die Doku gesehen habe. Ich finde, sie zeigt uns sehr persönlich und es werden die Beweggründe und die Welt eines jeden erklärt. Man selbst sieht seine Welt nur aus der eigenen Perspektive. So ein Film ermöglicht es, eine andere Perspektive zu sehen und besser zu verstehen. Ich habe danach meiner Band kleine Liebeserklärungen auf WhatsApp geschrieben.

Michi Beck: Ich habe die nicht gelesen.

Thomas D: Keiner hat darauf reagiert. War auch wieder schön.

Michi Beck: Bei mir ist Thomas nicht in der Kontakteliste. Der ist geblockt.

Es gibt also eine WhatsApp-Gruppe von den Fantastischen Vier?

Thomas D: Ja, wir haben eine WhatsApp-Gruppe.

Michi Beck: Es gibt verschiedene.

Wie kam die Doku zustande?

Thomas D: Thomas Schwendemann hatte die Idee dazu. Er ist der Regisseur bei meinem kleinen Wissensformat "Wissen vor acht - Natur". Ich mag ihn sehr, er kam auf mich zu und meinte, er will eine Doku über uns drehen. Das ist bei uns auf mäßige Euphorie gestoßen. Und das ist noch stark übertrieben. Wir haben das eher abgetan. Soll er hier und da mal kommen und dann sehen wir was passiert. Aber wir haben ihn zu schätzen gelernt, weil er sehr unauffällig und unaufdringlich war. Innerhalb von zwei Jahren hat er sich genug eingeschleimt, dass wir unser Go gegeben haben. Mit dem Ergebnis sind wir alle sehr zufrieden. Und unser 30-Jähriges passte sehr gut dazu.

Stören die Kameras oder gewöhnt man sich daran?

Michi Beck: Wenn dich jemand so lange begleitet, blendest du es irgendwann aus. Es gibt natürlich Situationen, in denen es nervt. Es gab sehr lange Interviews, darauf muss man sich einlassen und bei uns auch dranbleiben. Von 37 Solo-Interview-Terminen hat vielleicht einer geklappt. Der war dann intensiv und hat den ganzen Tag gedauert, das geht sehr in die Tiefe. Uns zu viert hat er zum Beispiel leichter unter einen Hut gekriegt, als jeden allein zu Hause - bei mir war das zumindest so. Er und sein Team waren bei der Produktion des letzten Albums dabei, bei Konzerten und Reisen. Irgendwann ist es einfach so. Man kennt die Typen, es sind immer die gleichen, das ist angenehm. Erst dann entsteht der Moment, indem es keine Rolle spielt, ob jemand dabei ist, der filmt oder nicht und du öffnest dich richtig. Das sind die besten, ungeschminkten, wahren und leicht peinlichen Momente.

Thomas D: Die man hinterher lieber herausschneiden will.

Michi Beck: Aber das zeichnet eine gute Doku aus. Ich finde es auch gut, dass er [Thomas Schwendemann] sich so intensiv mit jedem Einzelnen von uns beschäftigt hat, dass wir es nach 30 Jahren noch spannend finden, was der andere sagt. Die Schaffensphase des letzten Albums als roter Faden mit den Flashbacks fand ich sehr unterhaltsam.

Gab es Tabus? Durfte etwas nicht gedreht bzw. gezeigt werden?

Michi Beck: Mir ging es schon so, dass manche Szenen unangenehm waren und man sich gefragt hat, muss das drin sein? Es gab ein paar Sachen, bei denen wir alle zusammen gesagt haben, das gefällt uns nicht. Aber individuelle Zensierung gab es bei dem Film nicht.

Haben Sie noch etwas Neues übereinander gelernt?

Smudo: Ich fand es interessant zu sehen, wie Michi mit seinem Label arbeitet.

Michi Beck: Es gibt also eine interessante Stelle im Film. Das reicht ja auch.

Einige Fans könnte es überraschen, dass sich die Fantastischen Vier privat gar nicht so oft sehen. Zumindest wird dieser Eindruck in der Doku vermittelt.

Smudo: Das stimmt so nicht ganz. Wir sehen uns geschäftlich so viel, dass das auch als privat zählt.

Thomas D: Bei Smudo sind alle geschäftlichen Termine auch privat.

Smudo: Bei mir gibt es keine Geschäftstermine.

Thomas D: Smudo macht schon lange keine Geschäfte mehr, bei ihm ist alles Privatvergnügen.

Smudo: Zum Geburtstag rufe ich zum Beispiel alle an.

Michi Beck: Aber zwei Tage zu spät.

Apropos Fans. Die sind zum Teil seit 30 Jahren 'troy'. Was bedeutet Ihnen das Feedback der Fans?

Thomas D: Du merkst plötzlich, dass du in deinem eigenen kleinen Leben und Schaffen für andere eine Bedeutung hast. Bei unserem Konzert in Aalen dieses Jahr hat im Publikum ein offensichtlich krebskrankes Mädchen ein Schild hochgehalten, auf dem stand: 'Ihr seid meine Motivation, jeden Tag zu kämpfen'. Bei so etwas muss ich flennen. Ich habe das Schild bei meinem Solo-Song 'Weitermachen' auf die Bühne geholt und stellvertretend für uns an unsere Fans zurückgegeben. Auch sie sind unsere Motivation weiterzumachen. Wie sagt man so schön klischeehaft? 'Wenn du ein Leben gerettet hast, hast du die Welt gerettet'. Manchmal ist es nur das eigene Leben, das man rettet, mit dem was man schafft, weil man ihm einen sinnstiftenden Inhalt gibt. Wenn man dann merkt, welche Kraft Leute aus unseren Texten ziehen, kannst du dich nur verneigen und Danke sagen. Das gibt einem selbst ebenfalls Kraft und Motivation weiterzumachen.

Michi Beck: Wir können nur Konzerte spielen, wenn die Leute auch kommen. Es ist fast noch mehr ein Nehmen als Geben, weil wir für die Fans weitermachen. Am Anfang haben wir es nur für uns vier gemacht. Mittlerweile machen wir es für den Erfolg und die Fans.

Was sind die persönlichen Highlights aus 30 Jahren Bandgeschichte?

Smudo: Wir sagen immer Heimspiel. In der eigenen Heimatstadt vor 60.000 Menschen spielen.

Michi Beck: Das erste "MTV Unplugged"-Konzert.

Thomas D: Aber auch Schwimmbadclub Heidelberg, wo 300 Leute reinpassen und 1.500 vor der Tür stehen.

Smudo: Das erste Mal Schleyer-Halle in Stuttgart. Ich erinnere mich an nichts mehr.

Michi Beck: Ich erinnere mich überhaupt an sehr wenig. Vieles ist dem Marihuana-Konsum zum Opfer gefallen.

Was halten Sie von der aktuellen Rap- und Hip-Hop-Szene? Capital Bra jagt zum Beispiel einen Rekord nach dem anderen.

Michi Beck: Es gibt viele gute Sachen im Moment, aber auch Amüsantes. Capital Bra ist ein erstaunliches Phänomen. Er ist ein echt guter Straßenrapper, aber 'Cherry Lady' hat mir nicht mehr so gut gefallen. Vielleicht hinterlässt der Erfolgsdruck Spuren. Es gibt aber aus jedem Genre, sei es Gangster-Rap oder Battle-Rap, immer wieder tolle, neue, inspirierende Sachen.

Smudo: Die Szene ist sehr lebendig. Es ist erstaunlich, dass die deutsche Hip-Hop-Musik nach 30 Jahren noch so lebendig und wahnsinnig erfolgreich ist. Die Produktionsmethode ist heute anders. Früher haben Bands ihre Songs geschrieben und im Probenraum verfeinert. Heute gibt es elektronisch produzierte Tracks, zum Teil modular oder an verschiedenen Arbeitsplätzen zusammengetragen und im Ping-Pong-Verfahren produziert. Hip-Hop ist eine massive Säule der elektronischen Musikproduktion. Ich glaube, in 50 Jahren wird man sagen, dass der Hip-Hop das Fundament der elektronischen Musik ist.

Gibt es jemanden, mit dem Sie gerne noch zusammenarbeiten wollen?

Michi Beck: So funktioniert das bei uns nicht. Wir holen jemanden dazu, weil es zu einem bestimmten Song passt und nicht weil wir unbedingt mit jemanden zusammenarbeiten wollen. So war es zum Beispiel bei "Zusammen" mit Clueso. Wir wollten dem Refrain durch denjenigen, der ihn singt, Gewicht verleihen. Clueso begleitet uns seit vielen Jahren, jemand meinte der Chorus sei wie für ihn gemacht und so kam die Zusammenarbeit zustande. Ähnlich war es bei "Einfach sein". Der Refrain hat sich nach Herbert Grönemeyer angehört, also haben wir ihn gefragt, ob er ihn singt. Bei "Ernten was wir säen" singt die Münchner Freiheit Hintergrundchöre, weil wir die Harmonien so krass fanden. Diese Herangehensweise werden wir, glaube ich, auch nicht mehr ändern.

Und wie oft hat jeder von Ihnen schon ans Aufhören gedacht?

Thomas D: Nur heute?

Smudo: Im Prinzip jeden Abend.

Michi Beck: Wirklich sehr, sehr oft. Ich habe bereits Mitte/Ende 20 gesagt, dass ich mit 30 nicht mehr auf der Bühne stehen werde. Die Gedanken kommen immer wieder, zum Beispiel bei kreativen Schaffensphasen für Alben oder Stand-alone-Songs. Wir brauchen eine Weile, bis es gehaltvoll ist und alle zufrieden sind. Da gibt es Augenblicke, wenn man bei einer Zeile hängt, wo man alles hinschmeißen will. Deswegen ist es wichtig, dass es uns vier gibt. Wir therapieren und motivieren uns in solchen Momenten gegenseitig. Ebenso wichtig ist unser Manager Bär [Läsker], der uns immer den nötigen Schubser gibt, damit wir funktionieren. Ich denke, diese Selbstzweifel haben sehr viele Kreative und wir eben besonders.

Smudo: Ich habe mich jahrelang wegen meiner Schreibblockade geniert, bis ich festgestellt habe, dass es normal ist. Ein Olympionike hat auch Muskelkater. Das lässt sich nicht vermeiden. Da muss man durch und darf nicht davor davonlaufen.


Bildrechte: Kick Film GmbH

Artikel zum Thema