„Systemsprenger“: Das ist der deutsche Oscar-Kandidat

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"Systemsprenger": Das ist der deutsche Oscar-Kandidat

"Systemsprenger" geht für Deutschland ins Rennen um den Auslands-Oscar 2020. Das muss man über den Film von Regisseurin Nora Fingscheidt wissen.

Darum geht es

Benni (Helena Zengel) heißt eigentlich Bernadette. Doch wehe, jemand nennt sie so! Sie ist wild, aggressiv und unberechenbar. Benni hat schon alles hinter sich: Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschule. Bereits als Neunjährige ist sie das, was beim Jugendamt als "Systemsprenger" bezeichnet wird. Hinzukommt, dass sie niemand im Gesicht berühren darf, was an traumatischen Erfahrungen in frühester Kindheit liegt. Dabei will Benni eigentlich nur eins: Wieder bei ihrer Mutter Bianca (Lisa Hagmeister) wohnen. Aber die ist mit ihrer Tochter komplett überfordert.

Die verzweifelte Frau Bafané (Gabriela Maria Schmeide) vom Jugendamt wagt ein letztes Experiment. Sie engagiert einen Anti-Gewalt-Trainer für straffällige Jugendliche. Benni lässt sich nach anfänglichem Widerstand auf Micha (Albrecht Schuch) ein. Er setzt auf Erlebnispädagogik: Drei Wochen verbringen sie gemeinsam in der Natur. Micha gerät dabei an seine Grenzen, schafft es aber, einen Zugang zu Benni zu finden. Sie will zurück in der "Zivilisation" bei ihm bleiben, was aber nicht geht. Plötzlich taucht Bennis Mutter wieder auf und die Dinge nehmen ihren eigenen Lauf.

"Gewalt von Kindern ist ein Hilfeschrei. Immer."

Für Regisseurin Nora Fingscheidt (36) begann die Arbeit an "Systemsprenger" bereits vor sechs Jahren, als sie einen Dokumentarfilm über ein Heim für wohnungslose Frauen in Stuttgart drehte. Damals hörte sie den Begriff "Systemsprenger" zum ersten Mal, wie dem Presseheft zu entnehmen ist. "Wir haben diesen Film gemacht, um Verständnis für Kinder wie Benni zu wecken", erklärt die Filmemacherin. Denn in der Regel werde die Gesellschaft erst auf die "Systemsprenger" aufmerksam, "wenn sie im schlimmsten Fall als junge Erwachsene gewalttätig werden". Fingscheidt ist sich sicher: "Gewalt von Kindern ist ein Hilfeschrei. Immer."

Benni wird von Helena Zengel (geb. 2008) verkörpert. Die junge Schauspielerin war schon in einigen Produktionen zu sehen. Im Drama "Die Tochter" von Mascha Schilinski (35) hatte sie 2017 ebenfalls die Hauptrolle inne. Albrecht Schuch (34), der Bennis Bezugsperson Micha spielt, kennen Serienfans aus "Bad Banks". In der Romanverfilmung "Die Vermessung der Welt" (2012) war er an der Seite von Florian David Fitz (44) als Alexander von Humboldt (1769-1859) zu sehen.

Gabriela Maria Schmeide (54) hat die Rolle von Frau Bafané vom Jugendamt übernommen. Die Schauspielerin glänzte etwa 2010 als Hauptdarstellerin in der Komödie "Die Friseuse" von Regisseurin Doris Dörrie (64). Bennis Mutter Bianca wird von Lisa Hagmeister (40) gespielt. Die gebürtige Berlinerin ist ein bekanntes Gesicht auf den deutschen Bühnen und im deutschen TV. Sie war zum Beispiel schon in mehreren "Tatort"-Folgen und anderen Krimi-Formaten zu sehen. Außerdem singt sie seit 2011 in der Electropunk-Band N.R.F.B.

Der Weg zu den Oscars 2020

"Systemsprenger" hat schon mehr als einen Preis eingeheimst. Auf der Berlinale 2019 gab es gleich zwei, den Silbernen Bären/Alfred-Bauer-Preis sowie den Publikumspreis der Leserjury der Berliner Morgenpost. Kritiker wie Zuschauer loben den eindringlichen Spielfilm, wegen der Thematik, der Umsetzung und des Ensembles.

"Die überwältigenden Reaktionen des Publikums zeigen: Kino kann einen Dialog zwischen Kulturen herstellen, weil es ums Menschsein geht", sagte Nora Fingscheidt nach der Bekanntgabe, dass "Systemsprenger" für Deutschland ins Oscar-Rennen soll. Vor Weihnachten wird die Academy of Motion Picture Arts and Sciences die Shortlist für den Auslands-Oscar verkünden. Zehn Filme werden dafür vorausgewählt. Am 13. Januar 2020 werden dann die fünf nominierten Filme bekanntgegeben. Die Oscarverleihung findet 2020 am 9. Februar statt.


Bildrechte: Yunus Roy Imer / Port au Prince Pictures

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