„Aufbruch zum Mond“: Ein riesiger Kino-Sprung für die Menschheit?

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"Aufbruch zum Mond": Ein riesiger Kino-Sprung für die Menschheit?

Ab dem 8. November wird Ryan Gosling auch in Deutschland auf den Mond geschossen. Mehr noch als sein Moonwalk überzeugt in "Aufbruch zum Mond" das Drama auf der Erde.

Familienvater und Pionier - Darum geht es in "Aufbruch zum Mond"

Es ist das Jahr 1961: Bei einem riskanten Flug an die Grenze der Atmosphäre ist Testpilot Neil Armstrong (Ryan Gosling, 37) gerade noch so mit dem Leben davongekommen. Mehr als die regelmäßigen Schrecken seines Jobs macht ihm aber eine Tragödie in den eigenen vier Wänden zu schaffen. Seine gerade einmal zwei Jahre alte Tochter Karen leidet an einem Gehirntumor. Obwohl Neil und seine Frau Janet (Claire Foy, 34) alles daran setzen, Karen zu retten, kommt eines Tages im so jungen Leben der Kleinen jede Hilfe zu spät.

Kurze Zeit nach dem Tod seiner Tochter bewirbt sich Armstrong für das sogenannte Project Gemini der NASA. Trotz des Schicksalsschlags und der möglichen Auswirkungen, die er auf Neils Psyche haben könnte, wird er als Astronaut aufgenommen und findet sich schon bald mitten in einem globalen Wettrennen wieder. Welche Nation wird als erstes jenen Mann stellen, der den Fuß auf den Mond setzen wird? Die USA oder die Sowjetunion?

Bekannte Geschichte, frischer Ansatz

Achtung, Spoiler: Neil Armstrong war der erste Mann auf dem Mond. Dass man nicht wegen eines überraschenden Endes in "Aufbruch zum Mond" gehen sollte, das dürfte selbst dem größten Geschichts-Muffel dieses Universums klar sein. Noch anspruchsvoller als im vergleichbaren Film "Apollo 13" mit Tom Hanks und Kevin Bacon war somit die Aufgabe von Regisseur Damien Chazelle, in seinem Film den Weg als Ziel zu inszenieren. Und auch wenn der Erfolg an den heimischen US-Kassen daran zweifeln lassen könnte, gelungen ist es ihm. Meisterlich.

Das liegt vor allem daran, dass es der echten Armstrong-Familie gelang, ein Großteil ihres Privatlebens auch privat zu halten und demnach wenig davon bekannt war. Der Held, der Pionier, der Patriot Armstrong - diese Facetten seines Lebens machen "Aufbruch zum Mond" nicht besonders. Wohl aber deren Gegenüberstellung mit dem gebeutelten Familienvater, den seine unendliche Trauer über den Verlust seiner kleinen Tochter im wahrsten Sinne von der Erde trieb.

Glanzlichter in der zweiten Reihe

Wiedererwartend ist aus "Aufbruch zum Mond" keine One-Man-Show geworden. Auch wenn sich natürlich ein Großteil des Streifens über Neils Ausbildung zum Astronauten und seine Mond-Reise dreht, ist Claire Foy als seine Ehefrau Janet im Vergleich die größere Oscar-Anwärterin. Ähnlich zu Felicity Jones' Jane Hawking in "Die Entdeckung der Unendlichkeit" ist es Foys Löwinnen-Kampf gegen die eigene Machtlosigkeit, die fesselt. Während rund um Janet immer mehr Astronauten-Frauen zu Witwen werden, fragt sie sich insgeheim selbst, wann der Wagen der NASA-Beamten wohl mit den traurigen Nachrichten im Gepäck vor ihrer Haustür haltmachen würde.

Foy zeigt eindrucksvoll, dass hinter jedem "First Man" eine starke Frau steht. Gosling, der mit seinem zumeist stoischen Blick perfekt in die zwangspragmatische Welt der Raumfahrer passt, geht da fast ein wenig unter. Auch hier birgt der Blick auf den Privatmann Armstrong das größere Potenzial für Gosling, als Schauspieler zu glänzen. So abgebrüht er im Cockpit seiner Höllenmaschinen auch ist, als Vater bekommt er ein ums andere Mal weiche Knie, vergießt bittere Tränen. Und so hätte er sich um ein Haar vor dem Aufbruch zum Mond noch nicht einmal von seinen beiden Söhnen verabschiedet.

Was aber nicht heißen soll, dass seine All-Abenteuer im Vergleich zum Schnarchfest verkommen, im Gegenteil. Vor allem sein erster Schritt auf dem Mond lässt die Nackenhaare auch 50 Jahre nach dem realen Meilenstein auf Kommando zum stehenden Applaus ansetzen. Die Debatte hinsichtlich der zu wenig patriotischen Platzierung der amerikanischen Mond-Flagge im Vorfeld des Films ist übrigens genau das, was zu vermuten war: ganz viel heiße Luft. Und ob eine geschichtlich wohl inakkurate, aber ungemein emotionale Szene auf dem Mond unbedingt hätte sein müssen - darüber darf sich das mehr oder minder nachsichtige Kinopublikum gerne streiten.

Shake, shake, shake

Ob nun hinter dem Steuer oder am Küchentisch: Chazelle setzt bei der Inszenierung beider "Welten" von Armstrong auf ein Stilmittel - der Wackelkamera. Während das bei den Actionsequenzen stimmig ist und den Zuschauer in den unübersichtlichen Tumult versetzt, aus dem Pionierarbeit im All nun einmal besteht, übertreibt er es in den anderen Fällen. Mit grobkörnigem Filter verleiht er dem 140 Minuten langen Film ohnehin schon einen dokumentarischen 60er-Jahre-Look, damit wäre es in den ruhigen Abschnitten des Films auch ohne Shaky-Cam getan gewesen.

Insgesamt ist die Optik des Films über jeden Zweifel erhaben. Auch wenn den technischen Oscars künftig weniger Aufmerksamkeit bei den Verleihungen eingeräumt werden sollen - abräumen könnte "Aufbruch zum Mond" sie durch die Bank weg. Das wäre schon für die allererste Sequenz des Films gerechtfertigt, mit der Chazelle die Zuschauer unvermittelt in jenen Wahnsinn steckt, der die Erschließung des Unbekannten damals noch war. Und so entlässt einen "Aufbruch zum Mond" auch mit diesen einen Gedanken aus dem Kino: "Wie, um alles in der Welt, konnten sich jemals Menschen freiwillig auf so ein buchstäbliches Himmelfahrtskommando begeben?"

Fazit:

Damien Chazelle ist mit "Aufbruch zum Mond" eine spannende Mischung gelungen. Den bekannten historischen Gegebenheiten stellt er das weitgehend unbekannte Privatleben der Armstrongs entgegen. Herausgekommen ist dabei ein Film, bei dem die beiden Hauptdarsteller Ryan Gosling und Claire Foy zu begeistern wissen. Und das mitunter mehr am heimischen Küchentisch, als in der Apollo-11-Rakete - oder auf dem Mond.

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